Walter Jens, emeritierter Rhetorik-Professor aus Tübingen, im Jahr 2003. (Foto: © epd-Bild)

Gesucht: Das gute Ende

Politiker, Theologen, Journalisten, Seelsorger – sie alle haben sich in den vergangenen Jahren zum Thema Sterbehilfe geäußert. Ein Überblick über Menschen und Positionen, die für Aufsehen gesorgt haben.

Texte: Ulrike Klös

„Aber schön ist es doch“

Walter Jens trat leidenschaftlich für aktive Sterbehilfe ein. Doch dann kam es ganz anders.

Zwei Tage nach Neujahr 2007, im Kreis der Familie: Walter Jens, Altphilologe und Schriftsteller, rafft sich auf und spricht zur Familie: „Ihr Lieben, es reicht. Mein Leben war lang und erfüllt. Aber jetzt will ich gehen.“ So schildert Jens’ Sohn Tilman in seinem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ diesen Tag. Walter Jens, der große Intellektuelle, litt zu diesem Zeitpunkt schwer an Demenz und wollte offenbar sterben.

Eine beinahe „eisige Klarheit“ habe in seiner Stimme gelegen, erinnert sich Sohn Tilman. Und doch habe sich sein Vater kurz darauf widersprochen: „Auf einmal lächelt mein Vater und sagt: Aber schön ist es doch!“ Dem Satz sei ein tiefer Seufzer des damals 84-Jährigen gefolgt. „Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, das Mandat, ihm aktiv beim Sterben zu helfen, ist in dieser Sekunde erloschen.“

Walter Jens war viele Jahre ein eifriger Verfechter der Sterbehilfe. In der Streitschrift „Menschenwürdig sterben – ein Plädoyer für Selbstverantwortung“ hatte er sich 1995 zusammen mit seinem Freund, dem Theologen Hans Küng, dafür starkgemacht, aktive Sterbehilfe zu erlauben. Jens wollte nicht weiterleben, wenn durch Krankheit und Alter aus ihm, „ein zuckendes Muskelpaket“ werden würde, so seine eigenen Worte.

Gerade ihn, den hochdekorierten Intellektuellen, traf die Alzheimer-Krankheit dann besonders hart. „Im Sommer 2006 war der letzte glückliche Tag, den wir gemeinsam erlebten“, schreibt Sohn Tilman. Danach war Vater Jens auf dem Weg „vom Er zum Es“ – wie er es selbst einmal nannte – von einem denkenden Individuum hin zu einem Menschen, der Sprache und Erinnerung verlor. Ein Zustand, den Walter Jens nie für sich gewollt hatte.

Zwei Jahre später, 2009: Jens kann kaum noch reden, selbst einfache Gesten nicht mehr deuten. Doch sterben will er laut seiner engsten Angehörigen nicht. „Er hat seinen Lebenswillen durch die Demenz nicht verloren“, sagte seine Ehefrau Inge damals in einem dpa-Interview. Dieser Lebenswille „hat sich zu einem biologischen Leben in einem Maße verschoben, wie ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte. Genauso sicher, wie wir uns damals waren, dass wir beide so nicht leben wollten, weiß ich heute, dass mein Mann nicht sterben möchte“, bekannte sie. „Neulich hat er gesagt: ‚Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.‘ Ich bin mir nach vielen qualvollen Überlegungen absolut sicher, dass mich mein Mann jetzt nicht um Sterbehilfe, sondern um Lebenshilfe bittet.“

Walter Jens ist am 9. Juni 2013 mit 90 Jahren eines natürlichen Todes gestorben.

 

Der katholische Theologe und Religionsphilosoph Hans Küng im Dezember 2013 in seinem Tübinger Wohnhaus. (Foto: © epd-Bild)
Der katholische Theologe und Religionsphilosoph Hans Küng im Dezember 2013 in seinem Tübinger Wohnhaus. (Foto: © epd-Bild)

„In eigener Verantwortung über die Art des Sterbens entscheiden“

Der Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng will glücklich sterben, denn er glaubt an das ewige Leben.

Hans Küng glaubt fest an ein Leben nach dem Tod. Deshalb will der Schweizer katholische Theologe und Kirchenkritiker vor allem eines: glücklich sterben. Und das heißt für den 87-Jährigen, den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen. Jeder Mensch habe ein Recht auf ein Leben und Sterben in eigener Verantwortung, ist der streitbare Theologe überzeugt. Das irdische Leben sei nicht alles, schreibt er in seinem Buch „Glücklich sterben?“. Er glaube fest, dass er nicht „in ein Nichts hinein“ sterbe, sondern „in eine letzte Wirklichkeit“.

Wenn er Anzeichen von Demenz spüre, dann sei für ihn der Zeitpunkt gekommen, sein Leben zu beenden. Diesen Moment wolle er auf keinen Fall verpassen wie etwa sein Freund Walter Jens. „Ich möchte so sterben, dass ich noch voll Mensch bin und nicht nur reduziert auf ein vegetatives Dasein“, sagte er der Journalistin Anne Will im November 2013 in einem Interview, das in seinem Buch nachzulesen ist. Dass „ich auch noch ein Leben auf vegetativem Niveau zu akzeptieren habe, lasse ich mir von niemandem als Willen Gottes für mich einreden“, schreibt Küng. Und auch das macht er klar: Er würde für sein glückliches Sterben aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen, deshalb ist er Mitglied in einem Schweizer Sterbehilfeverein.

Im Widerspruch zu seiner Religion sieht sich Küng mit seiner Haltung nicht. „Es gehört für mich zur Lebenskunst und zu meinem Glauben an ein ewiges Leben, mein zeitliches Leben nicht endlos hinauszuzögern. Wenn es an der Zeit ist, darf ich, falls ich es noch kann, in eigener Verantwortung über Zeitpunkt und Art des Sterbens entscheiden“, legt er in seinem Buch dar. Diese Haltung gründe für ihn „letztlich in der Hoffnung auf ein definitiv gelingendes, ewiges Leben, in einer anderen Dimension des Friedens und der Harmonie, andauernder Liebe und bleibendem Glück. Dies ist meine von der Bibel gespeiste Vorstellung von einem glücklichen Sterben.“

 

Katrin Göring-Eckardt auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2013. (Foto: © epd-Bild)
Katrin Göring-Eckardt auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2013. (Foto: © epd-Bild)

Angst ist kein guter Ratgeber

Angst vor einem würdelosen Sterben könnte Menschen zum assistierten Suizid drängen, fürchtet Katrin Göring-Eckardt.

Die Angst vor einem würdelosen Sterben, vor dem Verlust an Selbstbestimmung ist in den Augen von Katrin Göring-Eckardt eine Triebfeder für die Forderung nach aktiver Sterbehilfe. Dass sich Menschen „lebensmüde“ fühlen könnten, sei nicht von der Hand zu weisen. „Aber gibt es das: ein Leben, das nicht mehr lebenswert ist?“, fragte die Grünen-Politikerin und ehemalige Präses der EKD-Synode im Sommer bei der ersten Lesung im Bundestag zum Sterbehilfegesetz. Ihre Antwort war klar: „Krankheit, Behinderung, Leid können die Würde des Lebens nicht relativieren.“

Kein Verständnis hat sie für Forderungen derjenigen, die lautstark darauf pochen, den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen zu wollen. Für Göring-Eckardt ist das ein Einfallstor für eine Haltung, die Alte und Kranke unter Druck setze: „Ich sorge mich um eine Gesellschaft, die irgendwann akzeptiert, vielleicht sogar erwartet, dass alte, kranke oder pflegebedürftige Menschen ihrem Leben ein Ende setzen“, mahnte sie im Bundestag. Deshalb hat die gebürtige Thüringerin den Gesetzentwurf von Kerstin Griese (SPD) und Michael Brand (CDU) von Anfang an unterstützt. Er stellt die geschäftsmäßige und organisierte Förderung der Selbsttötung unter Strafe, kriminalisiert die Beihilfe zum Suizid im Einzelfall durch nahe Angehörige aber nicht.

Es sei eben „ein Unterschied, ob einzelne Menschen in tragischen Ausnahmesituationen handeln oder ob der assistierte Suizid einen Anschein gesellschaftlicher Normalität von Dienstleistung in sich trägt“, argumentierte Göring-Eckardt. Aufgabe der Gesellschaft sei es, „Hilfe im Sterben“ zu ermöglichen und zu verbessern. In einem Interview, das sie 2014 der Tageszeitung „Thüringische Allgemeine“ gab, brachte sie es so auf den Punkt: „Wenn wir die Selbstbestimmung im Alter bewahren wollen, sollten wir nicht über selbstbestimmtes Sterben, sondern über Palliativversorgung und Hospize reden.“ Diese Angebote müssten ausgebaut und gestärkt werden.

 

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Nikolaus Schneider in seinem Düsseldorfer Büro. (Foto: © epd-Bild)

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„Entscheidung in Verantwortung vor Gott treffen“

Für Nikolaus Schneider ist das Leben ein Geschenk Gottes. Doch Liebe geht ihm vor Prinzipientreue.

Nikolaus Schneider ist ein Mann mit klaren ethischen Grundsätzen: Für den evangelischen Theologen und ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden sind sie „aus dem theologischen Nachdenken über das uns in der Bibel bezeugte Wort Gottes“ zu gewinnen. Einer dieser Grundsätze lautet für ihn: Das Leben ist eine Gabe, ein Geschenk Gottes. Und ein zweiter: Gott schenkt den Menschen die Freiheit als Freiheit zum Leben, nicht zum Tode. In der Diskussion um Sterbehilfe bilden diese beiden Grundsätze Schneiders Richtschnur, wie er in einem Interview mit der Zeitschrift „Zeitzeichen“ darlegte.

Verantwortlicher Umgang mit der Gabe Leben „heißt für mich, (…) das Leben, soweit es uns möglich ist, zu pflegen und zu erhalten“, so Schneider. Dieser Grundsatz könne davor schützen, mit dem Leben leichtfertig umzugehen oder es aus einer augenblicklichen Bedrängung heraus voreilig zu beenden. Gewerbsmäßige Sterbehilfe kommt deshalb für Schneider nicht infrage. „Sterbehilfe darf kein Geschäftsmodell sein, mit dem Gewinne gemacht werden“, zieht er klar die Grenze.

Doch Schneider ist kein Prinzipienreiter. Er weiß: Menschen können in Situationen geraten, in denen sie für ihr irdisches Leben keine Perspektive mehr sehen. Dass dann der Wunsch zu sterben oder nach Sterbehilfe erwächst, ist für ihn „nachvollziehbar“. „Wir können nur hoffen, dass Menschen gerade in extremen Leidenssituationen ihre Entscheidungen in Verantwortung vor Gott treffen können und auch in Verantwortung vor Menschen, die ihnen nahestehen“, gibt er zu bedenken. Lebensverlängernde Maßnahmen zu unterlassen oder zu beenden, also passive Sterbehilfe, müsse erlaubt sein.

Und selbst wenn die Entscheidung Suizid laute, sollte man dies nicht verurteilen. „Im konkreten Einzelfall bedeutet dies: Auch diesen Menschen, die es in einer bestimmten Lebenssituation sehr schwer haben, mit Liebe gegenübertreten, nicht mit Gesetzen.“ So kann sich Nikolaus Schneider sogar vorstellen, seine krebskranke Frau Anne zu unterstützen, falls sie bei unerträglichem Leiden aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte. „Ich hoffe, wenn ich an den Punkt kommen sollte, sterben zu wollen, dass mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet“, sagte sie in einem Interview. Seine Antwort darauf: Für Anne würde er „auch etwas gegen meine Überzeugung tun“, wenn er sie nicht für einen anderen Weg gewinnen könne. Aus Liebe. Liebe gehe in dieser Situation vor Prinzipientreue.

Vielleicht muss Nikolaus Schneider diesen schweren Gang doch nicht antreten. Anne Schneider geht es nach einer harten Krebstherapie wieder besser.

 

„Es muss einen Notausgang geben “

Udo Reiter plädierte für aktive Sterbehilfe und tötete sich selbst – aus Angst vor dem Verfall.

Sein Plädoyer für den selbstbestimmten Tod war unmissverständlich: Aktive Sterbehilfe müsse erlaubt sein, forderte Udo Reiter in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ vom 21. Dezember 2013. Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas könnten dabei eine Hilfe sein, war der ehemalige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks überzeugt. Ja, und warum sollte die Krankenkasse nicht auch Sterbehilfe bezahlen, für Abtreibungen zahle sie ja auch! Eine radikale Position, die der Journalist bei vielen Gelegenheiten und in Talkshows offensiv vertrat.

Es ging Reiter bei seiner Forderung nach einem Recht auf Freitod in erster Linie um Menschen, „die nicht todkrank sind, aber in freier Entscheidung zu dem Entschluss kommen, nicht mehr weiterleben zu wollen.“ Wer „lebenssatt“ sei, für den müsse es „Notausgänge geben, durch die man in Würde und ohne sinnlose Qualen gehen könne“, formulierte er in dem Zeitungsbeitrag.

Wie so ein Notausgang für ihn persönlich aussehen könnte? Auch darüber hatte sich Reiter, der seit einem Unfall 1966 im Rollstuhl saß, bereits Gedanken gemacht: Er wollte nicht gezwungen sein vor einen Zug zu rollen, sich eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen, oder sich in einem Schweizer Hotelzimmer von Mitarbeitern einer Sterbehilfeorganisation einschläfern zu lassen. „Ich möchte bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt“, schrieb er. Es kam anders, radikaler: Am 9. Oktober 2014 erschoss sich Reiter auf der Terrasse seines Hauses in Leipzig.

In einem letzten Brief, den der Journalist Günther Jauch zehn Tage nach Reiters Tod in seiner Fernseh-Talkshow vorlas, erklärte der 70-Jährige sein Handeln so: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. (…) Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von anderen abhängiger Pflegefall enden möchte.“

Foto Walter Jens: © epd-Bild